Schleyer – ein Gedicht aus 1980

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Bundesarchiv, B 145 Bild-F041440-0014 / Reineke, Engelbert / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F041440-0014 / Reineke, Engelbert / CC-BY-SA 3.0
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Schleyer

Ein schreckliches Bild flimmert in den Gedanken. Ist das Deutschland?
Funkelndes, blutiges Glas, das im Licht der Scheinwerfer reflektiert,
zerschossene, verdrehte, von Kugeln durchsiebte Körper auf dem Asphalt,
ein einsamer Baum im Wind, so grausam, so kalt.
Böses, babylonisches Gewirr über Schuld und Sühne der unsichtbaren Terroristen,
wenn diese gewalttätigen Schatten ermessen könnten, wüssten.

Wo ist Schleyer? Entführt, tot?
Blaue Lichter überall, schwere Waffen, der Staat im Krieg,
der Schatten Angreifers blutiger, gedankenloser, gewissenloser Sieg,
ohne Sinn und politischen Verstand, die RAF flieht, hinterlässt keine Zeichen,
will von der eingeschworenen, falschen Ideologie nicht weichen.

Baader, Raspe? Was wollen sie?
Es wird dunkel, Stimmen werden laut, schwarze, wehende Planen über den Entleibten, den sinnlos Entehrten.
Ein Scheinwerfer springt an, erhellt das moderne Schlachtfeld, den Platz der geschürten Angst, den die Täter begehrten.

Neben der Startbahn Kapitän Schumanns Tod,
ein feiger Mord an einem anderen Ort,
das Ende naht,
Geiseln, die wimmern in Gram,
Stammheim, das die Terroristen verwahrt,
rastlose Ratlosigkeit, Rasterfahndung, des Staates verlängerter Arm.
Die RAF bleibt ein Phantom, Schockstarre über Deutschland.
Der Ruf “Die Täter an die Wand!” verhallt hinter der herbstlichen, trüben Nebelwand.

Was geschieht, was wird sein?
Starre Lähmung, wandernde Uniformen, verdrängte Gedanken an vergangene Zeiten,
an die ungeliebte, unausgesprochene, verschwiegene Geschichte.
Das Wort von der rächenden Justiz, die eilige Forderung nach dem Henker, der da alles richte.
So bleibt die Nacht still und hell.
Wo ist Schleyer?
Hass erfüllt sind beide Seiten, wie der Krieg, den sie unausgesprochen begannen, so unüberlegt und rasend schnell.

Marinella van ten Haarlen, 1980
Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung, Vervielfältigung verboten

Am Hindukusch Nichts Neues, Cover, kasaan media publishers, 2016 Am Hindukusch Nichts Neues, Cover, kasaan media publishers, 2016[/caption]

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