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Copa 2014

Copa 2014, (Cover kasaan media publishers, 2018)
Copa 2014, (Cover kasaan media publishers, 2018)

Neue Auflage

(mctvh/CPT)

3. Auflage

Derzeit ist das Buch noch in der 2. Auflage bei createspace zu erhalten.

Wir bereiten über unseren neuen Shop derzeit die 3. Ausgabe vor.

Die Bücher werden nur noch über unseren Shop erhältlich sein, und die E-Bücher gibt es fast „umsonst“. Wir werden einen kleinen Spendenbutton schalten. Nicht mehr, nicht weniger.

Ein großer Teil der Bücher, die von mir auf dem Markt sind, sind Raubkopien.

Wir wollen den Raubkopierern entgegenwirken.
Wenn es das Ebook quasi umsonst gibt, dann ist es sehr schwer, das Buch als Raubkopierer zu verkaufen.

Das haben wir aus der lul.to Affäre gelernt. Chiffrieren ist eine Sache, gesellschaftlich gegen Raubkopierer anzugehen, eine andere Sache.

Ich werde, bevor der Shop geschaltet wird, das lul.to Tagebuch veröffentlichen.

Ich denke, danach vergeht jedem die Freude an Raubkopien, weil die, die hinter den Kopien stehen, brutalste Methoden anwandten, um Autoren „mundtot“ zu machen.

Nun erst einmal viel Spass mit der Leseprobe aus Copa 2014

Buchrücken

Kinder von Fußballfunktionären verschwinden in Brasilien, ein Steuerfahnder wird tot in einem Wald bei Frankfurt an der Oder aufgefunden.
KHK Makentun und sein Kollege Jochen Schneider vom BKA in Meckenheim werden mit der brasilianischen Realität vor der Fußballweltmeisterschaft in dem lateinamerikanischen Land konfrontiert und geraten ins Visier der Drogenmafia und Kindersoldaten in einem der Favelas São Paolos.
Es wird ein Kampf um Leben und Tod.

Ein ganz normaler Tag
São Paulo, Brasilien, 13. September 2013

Ein kleiner Brasilianer spielte unter dem Plakat mit dem Konterfei Pelés Fußball, filigran arbeitete er wie ein unentdeckter Künstler mit dem Ball. Das Leder wirkte bei ihm federleicht. Auf dem rechten Arm trug er das Wort Hate, es war eingeritzt worden, die Wunden waren noch nicht verheilt. Die kleinen, nackten Füße dribbelten und er war versucht, dem Deutschen das neonfarbene Leder zuzuschlenzen, der sich schon positionierte und durch Handzeichen den Ball auf die rechte Seite als Vorlage haben wollte, um ihn dann gegen ein aufge-maltes Tor auf der Fassade eines Hauses an der Ecke zu schießen. Für wenige Sekunden verschwand er hinter dem roten Toyota, der neben Junges VW-Geländewagen parkte. Junge trug den Kanister mit dem Orangensaft zu seinem Auto, wollte die Einkäufe auf die Ladefläche legen, als er den ersten mit Strümpfen maskierten Schatten auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses erblickte. Noch erfrischte die kühle Plastikkaraffe die glühend heißen Handgelenke des Deutschen. Stefan Junge schwitzte stark. Ein Hubschrauber, der von einem der vielen Nachrichtensender unterhalten wurde, überflog das Gebiet in Richtung der nahen Anchieta. Der Ball flog im hohen Bogen über die Straße, genau dort, auf der anderen Seite, tauchten Maskierte auf, die sich, das dachte der Deutsche für einen letzten Moment, wie Indianer anschlichen. Im Radio lief ein Lied von Ricky Nelson : Travelling Man, der Ton verstummte im nächsten Augenblick.

Der Barbier war der erste, den die Schatten auf die staubige Straße zerrten. Der Mann wand sich, eine MP steckte in seinem Mund. Er sollte tanzen, rief einer der halbwüchsigen Anführer in schlechtem Portugiesisch. Wieder und wieder wurde das Opfer getreten, bis es bewusstlos zusammenbrach. Etwa 20 Fäuste und 20 Schuhe trafen den Körper. Es ging alles in Windeseile, mit einer im Sonnenlicht glänzenden Machete skalpierten sie den Friseur, schlugen seine Arme ab, die dann in einer kleinen, sich wie eine bewegliche Feder drehen-den Windhose lagen, Stümpfe, die plötzlich ganz blau wurden. Der Salon brannte lichterloh, mit einem selbst konstruierten Flammen-werfer rückte die Brigade der Outlaws vor. Plötzlich lief der Barbier ohne Kopfhaut herum, aus dem riesigen Loch schoss Blut. Der Mann schrie, fiel dann im Laufen hin und blieb liegen, sein Körper brannte wenige Augenblicke danach, verkohlte einfach, die Haut erinnerte Junge an die eines Hähnchens. Junge war wie festgenagelt, er stand unter Schock. Zitterte, irgendwo lief Sambamusik, Frauen kicherten. Ein Lieferwagen fuhr durch, der Fahrer erkannte die Gefahr und gab Gas, als er fast an der Kreuzung angekommen war, explodierte das Fahrzeug, Metallteile hagelten auf den unebenen Asphalt.
Der Friseur war bis auf die Knochen verglüht und noch immer hielt einer der Jugendlichen, der nicht älter als 12 war, die Lanzette des Flammenwerfers an die Leiche, Staub und Asche stiegen auf. Sein Kopf war wie eine lebende Feuermaske, die sich auch im Tod noch, umrahmt von blauroten Flammen, bewegte. Ein ganzer Stapel Zeitungen glimmte, der Geruch von verkohltem Fleisch lag in der Luft. Ein riesiger schwarzer Pilz bildete sich über dem Viertel. Irgendwo ging eine Polizeisirene. Junge rettete sich zwischen zwei Häuser, hinter hohem Schilf stand eine alte Regentonne, die ersten Salven aus automatischen Waffen wurden abgegeben.



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Innerhalb weniger Sekunden stiegen die Drachen auf, oben am Himmel flatterten die Segeltuchbespannungen im kräftigen Westwind des Atlantiks, der bis zu den Außenbezirken der Stadt reichte. Dunkle Wolken eines nahenden Gewitters zogen heran. Es wimmelte regelrecht von Demonstranten, die plötzlich aus den Seitenstraßen und den Gassen zwischen den Hochhäusern aufgetaucht waren. Wei-ter hinten entflammten sich schon die Mülltonnen, schwarzer Rauch stieg auf, die ersten Geschäfte wurden geplündert. Die Träger griffen nach allem, was sie mitnehmen konnten, Fernseher, Computer und Handys. Ein einzelner Schuss fiel. Eine Touristin, die in einem der Goldgeschäfte am anderen Ende der Straße eingekauft hatte, rannte um ihr Leben; sie war nackt und zahllose Jugendliche auf Motorrädern hinter ihr her. Im letzten Augenblick gelang es ihr, sich in Sicherheit zu bringen. Auf offener Straße musste der Besitzer eines Be-kleidungsgeschäftes niederknien, während einer der Angreifer eine Maschinenpistole in seinen Mund steckte, sie wie beim Geschlechtsakt vorwärts und rückwärts bewegte. Er winselte um sein Leben, das seiner Kinder, die schon tot auf der Straße lagen, kleine verrenkte Körper, deren Gliedmaßen zerrissen waren. Junge zitterte, der kleine Fußballspieler gehörte zu dem Kommando. Eines von vielen, die die Stadt beherrschten, den Kokainhandel, Waffen und in der rasant wachsenden Entführungsbranche tätig waren. Der Kommandant rief seine Freunde zusammen, lachte dabei, als sich der Mann in die Hose machte, er streckte ihn mit mehreren Schüssen aus nächster Nähe nieder. Der Kopf des Opfers explodierte förmlich, überall spritzten die kleinen weißen Knochensplitter und die Gehirnmasse hin. Wieder hackte eine MP, eines der Geschäfte brannte lichterloh, nachdem ein Molotowcocktail zwischen zwei verlassenen und geplünderten Marktständen in die Schaufensterscheibe geflogen war. Es war das Geräusch einer älteren Heckler und Koch, Junge kannte den Ton. Mehrere Polizeibeamte riegelten die Straße ab, es flogen die ersten Trä-nengasgranaten, Junge hustete, als Antwort ging eine geschlossene Reihe von Jugendlichen mit Knüppeln und dornenbesetzten Stangen auf die Polizisten los. Die Einsatzfahrzeuge der brasilianischen Polizei wurden mit Steinen beworfen. Zahlreiche Passanten flüchteten blutüberströmt, hielten sich nasse Tücher inmitten der Rauchschwaden vor die Gesichter. Andere blieben einfach liegen, sie waren tot. Sirenen wurden laut.

Einer der Angreifer vergewaltigte eine tote Frau, schlug ihr dabei mit der Machete den Kopf ab.

Ein Ladenbesitzer wehrte sich mit einem Feuerlöscher, eine riesige weiße Wolke vertrieb einige der Angreifer, dann wurde ein weiterer Flammenwerfer von einem Pick-up eingesetzt, der Mann rannte innerhalb von Sekunden wie eine lebende Fackel zwischen den Linien herum. Ein Hubschrauber kreiste über dem Gebiet, der Rücken eines weiteren Passanten brannte lichterloh, er zog einen riesigen Feuer-schweif hinter sich her. Zehn Beamte rannten wie schwarmartig auf einen Demonstranten zu, knüppelten ihn, bis er sich nicht mehr bewegte, sein Gesicht war ein blutiger Ball, aus dem eine dunkle Masse schoss. Kurz darauf wurde wieder geschossen. Stefan Junge ging in Deckung versteckte sich in der seitlich stehenden Tonne, während die Bewaffneten mit Benzinkanistern und Molotowcocktails weiter gegen die Polizei antraten, die sich nach und nach zurückzog. Mehre-re Gummigeschosse trafen das alte Fass verbeulten es. Der Laut des Aufpralls ließ den Deutschen jedes Mal zusammenzucken, er nahm noch eine Nase Kokain aus dem goldenen Tablettendöschen, steckte es wieder ein. Er schwitzte, seine Zunge hing am Gaumen fest. Er hatte unheimlichen Durst. Durch die Löcher in dem Metallgefäß lugte Junge auf das Geschehen auf der Straße. Ein Polizist wurde mit siedendem Wasser übergossen. Es zischte, als der Mann starb, seine Schreie klangen wie das Klagen einer ganzen Armee. Etwa 100 Bewaffnete, so schätzte Junge, marodierten, andere trugen die Waren aus den Läden, luden sie auf schnell vorgefahrene Pick-ups. Innerhalb von Minuten, brannten fast alle Fahrzeuge in der Straße.



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Einer der Anti-Riot-Panzer der brasilianischen Polizei rückte in die Straße vor, der Wasserwerfer traf einige der fliehenden Jugendlichen. Es kam zu einem Schusswechsel, Lautsprecher forderten die Angreifer auf, aufzugeben, einer der Polizisten schrie vor Schmerz auf und stürzte von der seitlichen Begrenzung des Fahrzeuges, von dem er dann überrollt wurde. Eine Gasgranate explodierte ganz in der Nähe von Junge, er würgte, innerhalb von Sekunden geriet die Situation völlig außer Kontrolle. Weißer Dampf stieg auf, er konnte kaum noch atmen.
Seine Augen tränten. Der Portier eines nahen Hotels rannte durch die grotesk wirkende Szenerie. Überall entzündeten sich kleine Feuer. Der Geruch von brennenden Autoreifen und Müll, Plastik und Menschenfleisch zog wie eine schwarze Glocke nach oben ab. Weitere Explosionen erschütterten den Boden wie bei einem Erdbeben. Glas splitterte, die Polizei machte einige Gefangene, eine Frau sprang brennend aus dem Fenster. Die Schreie erschütterten Junge bis ins Mark. Ein riesiger Berg Brot fing Feuer, während ein Jugendlicher einen weiteren Geschäftsbesitzer nur 20 Meter von dem Versteck Junges entfernt mit einem Beil erschlug. Der Deutsche hatte den Bäcker gekannt, der zu kleinen handlichen Fleischstücken geworden war, aus dem Mörder kamen die gesamte Angst, der Hass und der Neid auf das Leben der anderen. Seine Augen waren starr, er war mit Blut besudelt, ein anderer machte ein Foto. Mehrere Kameramänner filmten das bürgerkriegsähnliche Szenario aus dem Hubschrauber, der sich wie eine Libelle über dem Geschehen drehte. Motorradfahrer auf Endu-ros zogen sich nach und nach zurück, schossen dabei auf die Einsatzkräfte. Von einem Pick-up aus wurde eine Panzerabwehrwaffe auf den Wasserwerferwagen der Polizei gerichtet, das Geschoss verfehlte das Fahrzeug nur um Haaresbreite und schlug inmitten einer Autovermietung ein. Die Explosion erschütterte den ganzen Stadtteil, Junge musste sich in der Tonne festhalten, die durch die Druckwelle hin-und her geschleudert wurde.
Immer wieder schlug er mit dem Kopf gegen die Wandung, dann war es plötzlich ruhig.

Das Rabalho Stadion, 14. September 2013
São Paulo, Brasilien

Stefan Junge drehte das Radio lauter und schaltete einen Gang zu-rück, bog auf die Einfahrt des Stadions ein. Die Anchieta lag hinter ihm, langsam quälten sich die Fahrzeuge auf der mehrspurigen Schnellstraße um São Paulo. Der Deutsche war nervös, fast monatlich musste er Rabalho Bericht erstatten, immer häufiger verlangte der Brasilianer, dass Junge ihn aufsuchte und über die geschäftlichen Er-folge berichtete.
In der Nacht zuvor hatten Jugendliche erneut einen Elektronikmarkt in der Innenstadt gestürmt, es war zu einer Schießerei gekommen, bei der acht Angestellte verletzt, drei verschleppt und zwei Sicherheitsbeamte erschossen, danach mit Benzin übergossen und bis zur Unkenntlichkeit verbrannt worden waren. Die Presse und das Fernsehen spielten derartige Vorfälle herunter, um nicht die internationale Aufmerksamkeit auf die Schattenseiten der brasilianischen Gesellschaft zu lenken. Jeder hier kannte die Geschichte des kickenden Priesters Alvino, der am Ende als von Hunden zerfressene Leiche am Rande einer der Favelas gefunden worden war. Doch niemand wollte über den Tod des Geistlichen sprechen. Er war einer der Anführer der Hunderttausend, die nach Brasilia ziehen wollten, Todeskommandos bedrohten die Menschenrechtler.
Was brauchte man Menschenrechte, wenn es um das Geschäft ging, fragte sich in diesem Moment der Deutsche. Er gab dem Tross, der wie Kreuzfahrer über das Land gezogen war, selbst die Schuld an dem späteren Schicksal.

Der Radiosprecher setzte einen Moment aus und blendete Werbung für Fleisch und Milch ein. Als die Sambatöne verklungen waren, moderierte er seinen Beitrag weiter.
„Wieder wurden bei der Flucht zwei Kinder erschossen, die das so genannte Hate Zeichen, das Mal einer Armee von Jugendlichen, auf den Armen eingeritzt trug. Nicht einmal ein Jahr vor der Weltmeisterschaft ist der Anfang noch nicht gemacht, die ständigen Unruhen bei Demonstrationen, die durch kriminelle Banden gezielt organisiert werden, zu bekämpfen.“
Der Radiomoderator schrie den letzten Satz förmlich. Der silberne Wagen setzte noch einmal zurück, der mit Schotter befestigte Park-platz vor dem Stadion war beim letzten Regenguss stark unterspült worden.

Junge rauchte noch eine Zigarette, kontrollierte erneut, ob er den silbernen Gruppen-VW-Gelände-wagen abgeschlossen hatte. Im Schatten einer Palme saß ein Bursche, den Junge nicht älter als 14 Jahre schätzte.

Seine Hand blutete stark, irgendwo hatte er sich den gesamten Handrücken aufgerissen. Die Tränen des Jugendlichen rührten den Broker. Langsam ging er auf ihn zu und steckte ihm 20 Real zu. Die Luft stand förmlich in diesem Moment. Die konstante, über die letzten Wochen anhaltende Schwüle setzte auch dem Deutschen zu. Er warf die Kippe achtlos in das angrenzende Gebüsch weg. Eine kleine Echse sonnte sich dort auf einem Stein.
„Obrigado!“, lächelte der Jugendliche, murmelte etwas über seinen toten Vater und das Favela in dem er lebte.
Der deutsche Investmentbroker nickte noch einmal, und lief auf das gewaltige Eingangsportal des Stadions zu. Er zwängte sich an einigen Fotografen vorbei, die dort an einem Mauervorsprung in der Kühle des Betonbaus warteten, um Aufnahmen von dem Neubau zu erhaschen.
Ramon, ein Kubaner, der schon lange in São Paulo arbeitete und auf vielen Baustellen tätig war, kam auf ihn zu und reichte ihm die Berichte, bevor er in die Mittagspause ging.

„Es hat wieder einen Unfall gegeben, Rabalho spart an jedem Ende und diese verkommenen Stahlträger, die er da oben an der Blende oberhalb der Zuschauertribünen befestigen lassen will, sind nicht notwendig“, schimpfte der Kubaner in schlechtem Portugiesisch.

„Ich werde mich drum kümmern“, entgegnete Stefan Junge und lief den Weg durch die Katakomben, die dem Kolosseum in Rom auf ausdrücklichen Wunsch von Rabalho nachempfunden waren, durch den Multifunktionskeller weiter. Ramon war schon verschwunden.

Einer der Arbeiter war von einem gewaltigen Stahlträger zerquetscht worden, der sich von der Dachverkleidung gelöst hatte; einige Männer waren um den seltsam verrenkten Körper zusammengelaufen. Aus dem Brustkorb des schmächtigen Mannes rann Blut. Der zugezogene Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Von diesen Habenichtsen gab es genug. Wanderarbeiter aus dem Norden des Landes, die wie Sklaven in modernen Zeiten für die Reichen ihre Arbeit versehen sollten. Auf der Tribüne sahen mehrere Personen zu, völlig teilnahmslos. Rabalho nickte, drehte sich zu einem seiner Mitarbeiter um: „Ich möchte, dass die Witwe 10.000 Dollar bekommt und sorgt dafür, dass der arme Kerl gut unter die Erde kommt.“

Der Brasilianer zündete sich eine Zigarre an, wischte sich Tropfen unter der Nase mit einem Taschentuch fort.
„Vor allen Dingen halte mir die Gewerkschaften, diese dreckigen Kommunisten, vom Hals, ich will nichts mit diesen Typen zu tun haben. Sie wollen nur Geld und möglichst wenig arbeiten dafür.“

Der schmalgesichtige Sekretär notiert alles auf einen Block, einige Minuten später telefonierte der unangenehme Hänfling mit einer lokalen Bestattungsfirma, regelte die Notwendigkeiten. Im Grunde genommen waren ihm und seinem Chef die Arbeiter egal. Solange sie niedrige Löhne zahlen konnten, gab es – wie Rabalho immer treffend feststellte – im Land genug Arbeitssuchende, die er als Menschenmaterial bezeichnete.

„Das ist der achte Arbeiter in diesem Monat, bald kann ich uns die Behörden nicht mehr vom Hals halten, soviel ich auch zahle. Sie wollen mehr.“
Rabalho war ein ehemaliger Fußballspieler, der es nie zu internationalem Ruhm gebracht hatte, immerhin hatte er sich aus den Favelas bis an die Spitze eines Wirtschaftskonzerns hochgearbeitet. Die meisten Brasilianer wussten, dass er im Investmentbanking tätig war. Die diamantbesetzte Rolex am Handgelenk des Mannes funkelte im Sonnenlicht. In letzter Zeit waren immer mehr Gerüchte aufgekommen, dass Rabalho, der auf allen Partys der High Society Brasiliens ein gern gesehener Gast war, in zahllose Affären verwickelt war, Geld wusch. Ihm wurden von einem Journalisten, der nur wenige Tage nach Erscheinen eines Artikels in einer lokalen Zeitung ermordetet worden war, etliche Kontakte in das Drogenmilieu bewiesen.

Der Reporter des Vista, der den Artikel nur mit Eduardo gekennzeichnet hatte, hatte im Laufe seiner fast zwei Jahre andauernden Recherchen herausgefunden, dass der Saubermann Rabalho eine Gruppe von Jugendlichen unterhielt, in deren Arme das Wort „Hate„, Hass, eingeritzt wurde, wenn sie das blutige Aufnahmeritual bestanden hatten. Dutzende dieser Kinder waren tot aufgefunden worden. Sie sorgten für Unruhe, gezielt wurden Gegner ausgeschaltet, Rabalho genoss den Ruhm, immer im rechten Moment der Vermittler zwischen den Fronten der im Fußballweltmeisterschaftsfieber taumelnden Nation zu sein.
Der Journalist Eduardo war erschossen in seinem ausgebrannten Wagen aufgefunden worden. Es gab keine Zeugen, der Tathergang konnte durch die Polizei nur mühsam rekonstruiert werden. Der lustlose und überforderte Kommissar, der noch andere Morde und Raubdelikte an diesem Morgen aufnehmen musste, war nicht an Aufklärung interessiert, allerdings fand man vor einem Gebüsch ein Stück Haut, das 20 mal 40 Zentimeter lang war und von einem Arm stammen musste, auf dem das Wort Hate mit einem Messer eingeritzt worden war. Kleine Fäden Blut zogen sich noch durch die hellblonden Haare, bis in die feinen Poren. Eduardo selber war mit 16 Kopfschüssen hingerichtet worden. Die ballistische Untersuchung erbrachte nichts, die Waffe war schon mehrfach eingesetzt worden und sollte es auch wieder. Zu den Tätern führte keine Spur, diese verlief sich in einem angrenzenden Maisfeld und endete an einem Graben, der hin zu einem Weg abschloss, wo der Komplize des Mörders wahrscheinlich nach der Tat wartete. Selbst der Benzinkanister, ein handelsübliches, hun-derttausendfach verkauftes Modell, blieb zurück.



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„Wer war Eduardo?“, fragte am nächsten Morgen eine Sportzeitung, die das Bild des Ermordeten auf der ersten Seite abdruckte als Warnung der Presse, die Rabalho mit seinem Wirtschaftskonzern kontrollierte. Das Bild war unappetitlich, von einem verkohlten Mann, dessen rote Muskelfasern unter der verbrannten Haut hervorlugten, aber nichts Besonderes für den Alltag in Brasilien. Davon gab es genug Bilder an jeder Ecke. Gestorben wurde in jeder Minute, in jeder Sekunde in Brasilien.

Hier und da sorgte Rabalho für eine Demonstration, unterhielt sich später mit den unzufriedenen Teilnehmern, aber immer liefen die zunächst friedlich gestarteten Märsche der Anti-Globalisierungsgegner aus dem Ruder wie von ihm beabsichtigt. Hunderte von Fahrzeugen, Mülltonnen und Geschäften brannten in der Megametropole São Paulo. Niemand konnte es mehr erklären, aber jeder wusste es. Gerüchte, die in den Gazetten gerne verbreitet wurden, besagten, dass Rabalho Geld für die gewalttätigen Demonstrationen aus schwarzen Kassen der Regierung bekam, deren Vorteil darin bestand, die Demonstranten als Kriminelle in aller Härte zu bekämpfen und jeglichen Widerspruch im Keim zu ersticken.

Auf dem Rasen probte eine Sambakapelle, während der Tote Bauarbeiter von mehreren Männern angehoben wurde, um ihn abzutransportieren. Der Arzt schüttelte den Kopf, packte seine Sachen zusammen.
„Das Stadion ist ja bald fertig!“, sagte der Deutsche, der nunmehr auf der VIP-Tribüne angekommen war. Er mochte Rabalho nicht, daraus machte er keinen Hehl. Eine Kindermannschaft lief auf, noch während der tödlich verletzte Arbeiter in eine billige Plane gerollt wurde. Die Sonne stach, aber von Osten, vom Atlantik her, kamen dunkle Quellwolken auf.
Ein Schiedsrichter pfiff das Spiel in der anderen Hälfte des Spielfeldes an. Es waren die Jugendmannschaften des Rabalho São Paulo, die dort mit dem Ball zauberten. Ein Tor nach dem anderen fiel, auf beiden Seiten; einzig und allein der Tote wirkte deplatziert. Der riesige Ausleger des Krans hievte neues Material an die Unglücksstelle. Wieder ging das Gehämmer los. Die Stahlnieten wurden angebracht. Etliche Arbeiter seilten sich ab.
Von einer Prostituierten, zu der er Kontakt pflegte, einem Double von Marilyn Monroe, von denen es hier viele gab, hörte Stefan Junge häufig Geschichten über den charismatischen Wirtschaftskapitän aus dem ehemaligen Favela „Campo“. Rabalho tarnte seine Unternehmungen mit Fußballvereinen und wohltätigen Stiftungen. Eines Morgens rief sie Junge an und sagte, sie wollte zu ihrer Familie verreisen, ganz oben in den Norden bei Belém. Seit diesem Tag hatte er nichts mehr von ihr gehört, ihre Wohnung war aufgelöst, der Vermieter meinte, sie sei ganz plötzlich ausgezogen.
Seitdem die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft an Brasilien gegangen war, umgab sich Rabalho mit einem ganzen Stab von Mitarbeitern aus der Schweiz, unterhielt ein Chalet in St. Moritz und gab dort häufig für Politiker und Sportler aus allen Nationen rauschende Feste.
Die Leiche des Arbeiters wurde auf die Ladefläche eines Datsun Pick-ups geworfen, und mit einer einfachen grauen Plane zugedeckt. Das satte Grün des Rasens, der von kleinen Wasserdüsen immer feucht gehalten wurde, leuchtete im Kontrast zu den roten, im Sonnenlicht, manchmal ins Violette übergehenden Farbschattierungen.

Stefan Junge schüttelte die Hand des Vertreters des Fußballverbandes aus der Schweiz. Er wusste über Bernhard Grezi nur wenig, seit Jahren war er mit Rabalho auf das Engste verbunden, die beiden teilten sehr viele geschäftliche Interessen. Grezi nahm gerne und davon reichlich.
„Als Sponsor unterhalten wir natürlich mehrere Fußballvereine, ganz besonders liegt uns die Jugend am Herzen.“
Der Securitymann stand etwas abseits, schaute den Kindern beim Kicken zu.
Natürlich wusste Junge, dass sich Rabalho ein ganzes Heer von Jugendlichen hielt, die er aus dem Geld der Drogengeschäfte entlohnte. Er tötete, wann immer es ihm gefiel. Das machte Rabalho so gefährlich. Mehrfach ermittelte die Polizei gegen den Mann, der einst in die Fußstapfen von Pelé treten wollte, jedoch mittlerweile fett geworden war, mehrere Goldkettchen um den Hals trug. Das Telefon klingelte, Deutschland war dran, Junges Büro in Hamburg. Junge nahm den Anruf sofort an.

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