Vor zwei Jahren: Im Dschungel Calais (repost)


Politische Ohnmacht

An diesem Abend wirkt Europa so hilflos wie selten zuvor. Fast überall sind Flüchtlinge, die nach einer neuen sicheren Heimat suchen, regelrecht begehren. Ungarn und der seltsam nationalistische Victor Orban, der unlängst die Todesstrafe forderte, setzt die EU einer weiteren humanitären Katastrophe aus.
Macht um jeden Preis, ohne Hirn , ohne Verstand. Populistische Sprüche als Bestandteil der Politik. Hauptsache der Zaun ist fertig. Victor Orban ist einer derer, die auf dem Unglück der Flüchtlinge, die er mit Spott, Hohn, Häme und Hass überzieht, seine Politik zum Zwecke des Machterhaltes propagiert.

 

Da hilft es auch nicht, dass er seine Frau als Alibi in ein Musterheim entsendet. Er wirkt wie ein kleiner Diktator ohne Sinn und Verstand, der von Budapest aus, das Ende der EU einläutet und dem Faschismus wieder den Vortrieb gibt, der sich wie ein schwarzer Schleier über ganz Europa in diesen Tagen legt.

In dem Bus, in dem ich fahre, sind etliche Männer aus Syrien, die die Station in Bremen in der Nacht verschlafen haben, oder schlicht nicht verstanden hatten, auszusteigen.
An einer Raststätte, nach der Hansestadt, werden sie kurzerhand aus dem Fahrzeug in die Nacht entlassen. „Mein Fernbus“ bekleckert sich in dem Fall nicht unbedingt mit Ruhm. Der wortgewandte Ersatzfahrer denglischt den Syrer und seine drei ratlosen, jedoch schweigsamen Begleiter.
Jeder in dem Bus spricht über die Krise und das völlig unkoordinierte Management, ich filme noch ein wenig in die Nacht.

Morgen Früh bin ich in Paris, dem Land, der Hauptstadt, der proklamierten Menschenrechte-1789 ist weit entfernt und die Schwüre der Marktfrauen auch, die die Bastille stürmten.

 

Näher sind die kruden Vorstellungen von Marine Le Pen und ihrer nach nationaler Identität suchenden Front National. Das Plakat hängt, wie zum Spott, überall in Calais aus. Da schadet es nicht, schon mal zur Abschreckung die Flüchtlinge in Calais, genau am Tunnel hinter meterhohem Stacheldraht zu halten. Hier sieht aus wie in einem Kriegsgefangenenlager. Wie in den berüchtigten Rheinwiesen bei Remagen nach dem II. Weltkrieg. Ich will morgen dort filmen, weil ich mich für Frankreich schäme.
Was haben die Flüchtlinge getan, um wie Tiere gehalten zu werden?

Was ist aus Frankreich geworden?
Dem Land der Menschenrechte, der Wiege der Demokratie. Die Flüchtlinge stören das Stadtbild, sie sind eine Schande für Calais. Sie sollten gehen, wenn Le Pen kommt, dann wird alles anders, sagt eine Anwohnerin. Unverhohlen spielt sie auf die Verfolgung in Vichy-Frankreich an. Die Rechten trauen sich wieder etwas, wie auch in Deutschland. Die angereisten Journalisten von einer japanischen Fernsehgesellschaft und eine indische Kollegin, wie auch uns, nennt sie gescheiterte Weltverbesserer, die nicht in den modernen Staat Frankreich passen. Sie würde sich wünschen, dass für uns der Zugang enden würde, niemand mehr der Außenwelt berichten könnte, was dort im Lager geschieht. Ständig fliegen Flugzeuge über das Gebiet. Sonst will kaum jemand über die Zustände im Lager sprechen, reden.

Für den Dokumentarfilm „The Human Wave“ by agathafilmcompany wollen wir in das Lager bei Calais. Nichts konnte uns darauf vorbereiten, was uns dort erwartete, abgesehen von einem latenten Gestank der Verwesung, des Unrates. Dazwischen Menschen auf einem gigantischen Müllberg, der ihre Einrichtung darstellt. Für etwa 10.000 Menschen, 4.000 Bewohner sind die offiziellen Zahlen, gibt es einen Wasseranschluss. Frankreich schönt die Zahlen, Frankreich lügt sich den Dschungel schön, sagt einer derer, der dort lebt, der uns durch die wilde Ansammlung von Mensch und Material führt. Es ist wie die buchstäbliche Erfüllung der Offenbarungen in der Bibel. Die Apokalypse, in der Menschen krank werden, zerbrechen, tief traumatisierte Flüchtlinge, die zu weinen beginnen, wenn man sie anspricht. Sie sind Gefangene in Frankreich, meterhoch umgibt Stacheldraht den Hafen, als müsste man die Menschen davon abhalten, sich nach den Kriegen, nach der gescheiterten Kolonialpolitik, einen Platz auf dieser Welt zu suchen.

Niemand stellt hohe Ansprüche, der hier lebt, einige Syrer sind noch mit den Folgen von Kriegsverletzungen, auch körperlichem Leid, befasst. Selbst als Journalistin fällt es hier sehr schwer unbeteiligt zu sein, nur zu berichten. Man wollte meinen, das alles spielt sich in einem Film, Mad Max oder über die Endzeit ab. So gut kann kein Regisseur in Hollywood drehen.

Das Lager wirkt surreal.

Hier gelten eigene Gesetze, nicht die Frankreichs, hier bildet sich eine Parallelgesellschaft. In aller Hoffnungslosigkeit und Verdammnis. Einige kamen aus Griechenland, andere aus Lampedusa. In der einzigen Kirche sitzen tief verschleierte Frauen, die wir nicht filmen dürfen. Jeder hat hier Angst. Auch vor der Moschee aus Planen und Bäumen. Viele drehen die Gesichter einfach weg. Ein Schlepper, einer von vielen, aus Moldawien verspricht erneut, dass er Menschen nach England bringen kann. Niemand glaubt ihm mehr. Aber alle wollen nach England. Hier ist Pegida ein Schimpfwort.

Hilfsorganisationen verteilen Essen und warme Decken, manchmal auch Zelte.
Es gibt zwei Restaurants, drei Shops. Die Waren werden mit dem Fahrrad geholt. Es gibt Nudeln und Reis. Das Leben hier ist elend, aber besser als dort, woher die Flüchtlinge kommen.

Alle erinnern sich an den Besuch von Ministerpräsident Valls, damals wurde viel versprochen, vor den Kameras. Willkommen ist die Presse schon lange nicht mehr. Die Zustände in dem Lager verschärfen sich jeden Tag- die ethnischen Gruppen kämpfen um das Überleben und gegeneinander. Jeder will mit einem Lkw mit. Die Straße ist ein paar Meter entfernt. Schon wird eine neue Tunnelbesetzung geplant. Einige brechen auf nach Deutschland, in den Süden Frankreichs. Andere ernähren sich von den Abfällen, die hier liegen. Eine stinkende Glocke hängt über dem Lager.

Unser Guide zeigt uns Munition, einer sagt, „die Radikalen schießen auf uns“. Andere behaupten, die Schrotpatronen wären schon da gewesen. Den meisten ist es egal. Ob Christen oder Moslems.
Niemand ahnt, wie es weiter gehen kann.
Jeden Tag wird es kälter, die Stimmung aggressiver. Es gibt eine notdürftige ärztliche Versorgung und wieder kommt ein Lieferwagen mit Hilfsgütern an, hinter ihm neue Flüchtlinge. Unser Guide meint, er weiß nicht, wie es weitergeht, wenn der Winter kommt. Vielleicht sogar Schnee fällt.

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