Die Panzerknacker wären neidisch geworden… (1)

Pleite – „Papis“ Selbstbedienungsladen

Die größte Pleite eines Geldtransportunternehmens in der Bundesrepublik Deutschland liegt mehr als eine Dekade zurück.

Die meisten Leser erinnern sich schon nicht mehr an den Bankrott, an die nachträgliche Übernahme durch den US-Investor Matlin Patterson und die zwangsläufig notwendige Umbenennung in SecurLog (ab 2012: Prosegur), damit der Name Heros von der Straße getilgt war.

Viele Fragen sind bis heute ungeklärt. Glaubt man der Statistik, so kutschierten die Geldfahrer von eigenen Gnaden ca. 55 Milliarden Euro pro Jahr durch die nichts ahnende Republik.
Da fragt sich jeder Normalsterbliche, wie es sein kann, dass mehr als elf Jahre nach der Heros-Pleite von mehr als 60 Millionen Euro noch die Spur fehlt.

Wir natürlich auch. Daher haben wir uns auf Spurensuche begeben.

Der Rest vom Schützenfest

Heros – noch heute fehlen die ca. 60 Millionen, vielleicht auch ein paar mehr. So genau kann das keiner sagen. Niemand konnte sich bisher einen Gesamtüberblick verschaffen. Außer vielleicht Manuel Sack, der umtriebige Insolvenzverwalter der Heros-Gruppe, an die nur noch verlassene Bauten und Spielzeug erinnern sollen. Sack hat hohe Prozente ausgelobt für denjenigen, der das fehlende Geld abliefert oder einen Hinweis darauf gibt: 20 Prozent – da wird so manchem, der etwas wissen könnte, dürfte oder müsste, der Mund wässrig.

Leider ist es nicht mehr so einfach, wie Rechtsanwalt Sack an seinem Hannoveraner Schreibtisch anhand der Aktenlage festgestellt haben dürfte. Das liegt nicht an Herrn Sack, sondern an den, seit Gründung der Heros-Gruppe, betriebenen Schiebereien innerhalb eines hauseigenen Schneeballsystems.

Zweifel könnten schon an dem Betrag von 60 Millionen Euro berechtigt sein. Mehrere Zeugen jener Tage sprechen von weit mehr als 120 Millionen Euro, die sich wahrscheinlich noch in den gut gesicherten Verstecken, gemeint sind Immobilienfonds einiger der Beteiligten, befinden.

Wer die Taler in Sicherheit gebracht hat, steht nicht fest, und allerdings, widersprechen sich die Aussagen der einzelnen Beteiligten erheblich.

Noch Peanuts – Der „Dicke“ und sein zerbröselndes Imperium

Heros hatte eine lange Historie fehlender Gelder. Die Kundschaft hätte die Warnung durchaus ernstnehmen sollen, die schon, anonym, Anfang 1991 einigen Managern der Kunden der damals expandierenden Heros-Gruppe auf den Tisch flatterte: ein angeblich wüstes Fax, mit zahlreichen pikanten Details gespickt, die nur aus dem internen Umfeld des glücklosen Geldtransporteurs Karl-Heinz W. kommen konnten, wissen mehrere Heros Angestellte aus diesen Tage zu berichten.
Schon in diesen Tagen der operativen Sorglosigkeit vermochte ein anonymer Schreiber, der wahrscheinlich bei der Nordcash in der Hamburgischen Wendenstraße zu suchen war, den Untergang der Heros 15 Jahre später genau voraus zu sagen.
Für weitere Informationen wollte der anonyme Schreiberling Geld. Irgendwann 1995 versickerte die Quelle, wie ehemalige Mitarbeiter der Heros berichteten.

Auch bei 2012 pleitegegangenem Drogeriekönig Anton Schlecker sollen derartige Faxe mit einer gewissen Regelmäßigkeit eingegangen sein. Schlecker schaffte ein Jahr vor dem Auffliegen der „Panzerknacker“ von Heros den Absprung aus den Verträgen. In der Kündigung wurden die ständigen Verzögerungen bei der Wertstellung der abgeholten Beträge als Grund genannt. Doch da war mehr.
Schon 1990 hatte Heros mit mehreren Auftraggebern Krach, wegen, von Heros damals intern, geschätzten 300.000 DM, eine wirklich lapidare Summe verglichen mit dem späteren Schaden. Nun, Anfang der 1990er, tauchten handfeste Probleme auf, die Geschäftsführer W. zu diesem Zeitpunkt noch aus dem Weg schaffen konnte,. Wenn auch mit Müh und Not, retteten sich die selbsternannten „Panzerknacker“. 1991 wiederholte sich die Geschichte – es fehlte derart viel Bares, dass Ausreden nicht mehr ausreichten, um die Fakten zu klären. W. hatte seine legale Existenz verspielt. Das war ihm bewusst, jedoch war er damals zu feige, sich dem Konkurs seiner Firmengruppe zu stellen.

Nein, diesmal nicht wegen dem EDV-System, dem liegengebliebenen Panzerwagen, auch nicht, weil Mitarbeiter erkrankt waren oder die Blumen verwelkten, keine Munition da war, die Expansion ständig Softwareprobleme verursachte. Das böse Wort der Unterschlagung zirkulierte in den Etagen der Geldspediteure. Es gab Angestellte, die verpflichtet wurden, glaubt man der ehemaligen Prokuristin Herma B., Ausreden zu erfinden, diese auf einen Zettel zu schreiben und danach an die Geschäftsführung zu übersenden. Für die beste Ausrede gab es einen netten Bonus aus der Portokasse des Unternehmens.

Der frühere Leiter der Hartgeldabteilung war ein gebranntes Kind, musste er doch die Transporte nach Spanien organisieren, so Herma B. Das geschah schon Anfang der 1990er Jahre immer wieder. Daraus und aus der kurzweiligen Episode des Insolvenzverwalters Sack in Gibraltar, wo er ein eher kleines Versteck der „Geld-Piraten“ ausgemacht hatte, konnten die zahlreichen Ermittler schließen, dass bereits Anfang der 1990er Jahre die Weichen bei Heros auf Schneeballsystem gestellt worden waren. Zudem fanden Beamte des LKA Hannover Depots der Ehefrau und der Töchter von W. in nicht unerheblicher Höhe, von denen Immobilien und Fahrzeuge in der Schweiz gekauft worden waren, Gelder, die über den düpierten Steuerberater von W. gelaufen waren, ganz zu Anfang der Ermittlungen gegen Heros 2007- während W. selbst sich zu diesem Zeitpunkt in der Küche der JVA Hannover als „treue Seele“ verdingte. Er packte wieder zu, diesmal als Hausarbeiter. Natürlich hatte die arme Ehegattin von W. keine Ahnung von ihren Schließfächern, weil das alles in der Hand ihres Mannes gelegen habe, wie sie seinerzeit über ihren Anwalt mitteilen ließ.

Über den Chef der Geldtransporteure gingen schon ab Mitte 1992 die seltsamsten Gerüchte, hier und da sollen Geldkoffer beim Transport verschwunden sein oder in der Hamburger und Düsseldorfer Unterwelt wurde schon einmal ein Tipp gegeben, wie man schnell an unversteuertes Geld kommen – wenn man denn eine MP und einen flotten Fluchtwagen hatte.

Reihenweise sollen Angestellte der Heros eigene Geldtransporter überfallen haben oder Tipps an die Unterwelt verkauft haben. 2002 soll bei einem Überfall nahe Osterholz-Scharmbeck, bei dem etwa 500.000 Euro erbeutet wurden, der Tipp direkt aus der Zentrale der Geldkutscher gekommen sein, wie später von Angestellten sehr detailliert gemutmaßt wurde.

Auch wurden schon mal Transporter der Konkurrenz überfallen, um sich lästige Mitbewerber vom Hals zu schaffen, wie die ehemalige Prokuristin Herma B. nebenbei bekannte.

W. hatte einen beinahe suizidalen Preiskampf gegen die Konkurrenz geführt und augenscheinlich damals schon verloren. Heros war nach der „Schlacht an den Geldzählmaschinen“ zahlungsunfähig.

Es sollte aber alles noch viel „dicker“ kommen.

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2005 – das Aktenzeichen 5413 Js 18030/06

Die Ermittlungskommission mit dem bezeichnenden Namen „Money“ schritt ein, und das System „Papis“ wurde zur real-satirischen Posse der Geldwirtschaft der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg. Nachdem eine verschmähte Beziehung, ein Streit um eine sechs Jahre alte Tochter, auf einem Provinz-Kommissariat endete und den Anlass für Ermittlungen der aus allen Wolken fallenden Behörden gab, wurde klar, dass die selbst ernannten „Panzerknacker“ sich jahrelang gegenseitig erpresst und beschissen hatten. Die Mutter der Tochter war identisch mit einer der Erpresserinnen im Getriebe von Heros.
Sie packte aus, nachdem ihr ehemaliger Lebensgefährte den Ermittlern von Geldübergaben auf Rastplätze in NRW berichtete.
Zudem wurde das Meckenheimer BKA hellhörig, als es um Geld und Afghanistan ging. Ein Zeuge wusste diesen Teil des Puzzles zu berichten. Verständlich, dass nun mehr schnell gehandelt werden musste. Zahllose vorhergehende Hinweise hatte der Behördenapparat über Jahre schlicht ignoriert.

Was nicht durfte, konnte einfach nicht sein.

Nach dem Geständnis einer der vielen Erpresserinnen im Umfeld von Heros ging es Schlag auf Schlag: Reimer W. wurde observiert. An einer Tankstelle in Hamburg-St. Pauli winkte ihn die Polizei schließlich heraus – offensichtlich im letzten Moment, das Gepäck lag schon im Wagen. Wohin die Reise gehen sollte, dazu erklärte sich der in der Flucht heil- und glücklose Heros-Manager nicht.

Mitte Februar 2006 dann das absurde Finale furioso: Polizeiliche Observationen, das Abhören der Telefone der Geldprotagonisten der gesamten Heros– Führungsetage, die Durchsuchung von mehr als zwei Dutzend Objekten der maroden Firmengruppe, und schlussendlich die Bankrotterklärung des gesamten Instrumentariums „Heros“. Leidtragende: die Bundesbank, die mittlerweile auch in Konkurs gegangene Drogeriekette Schlecker, die Handelsriesen Aldi, Metro, Lidl, Rewe, Karstadt-Quelle und zahllose andere Unternehmen. Vor der Wirtschaftsstrafkammer in Hildesheim legte Karl-Heinz W. ca. neun Monate später ein umfangreiches Geständnis ab, das aber, nach neuen Erkenntnissen, eher halbherzig war.

Geschwungene Gummiknüppel

Karl-Heinz W., immer für eine Überraschung gut, in den Anfängen von Haus aus Gummiknüppel schwingender Sicherheitsbeauftragter für Atomtransporte ins, in den End-1970er Jahren umlagerte, Gorleben, musste einräumen, auf den „Geldspeicher“ nicht so gut aufgepasst zu haben, wie das seine Auftraggeber erwartet hatten. Nun konnte er keine buchungstechnischen Probleme durch die zahlreichen Computerpannen mehr für das erste, geschätzte Loch von 800 Millionen Euro verantwortlich machen, sondern musste vor Gericht einräumen, dass sein Imperium ein geschicktes Schneeballsystem mit verspäteten Einzahlungen der abgeholten Gelder konstruiert worden war. W. war die Sache, so wurde schnell klar, über das ergraute Haupt gewachsen. Heros, so bekannten die führenden Angestellten, hatte nie Gewinn abgeworfen, sondern „Kampfkante“ gefahren und war somit immer weiter in die roten Zahlen gerutscht, während sich beispielsweise ein Mitglied der Führungsebene gönnerisch gab, beim Karneval in Frechen als Jeck feiern ließ und mit einer Werbeagentur nicht ganz uneigennützig dazuverdiente. Erstaunt waren die Mitarbeiter des Hauses, dass die Sache solange gut ging, aber wer fragt schon jemanden, Karl-Heinz W., der augenscheinlich mit Milliarden jonglierte danach, woher er das Geld bekam, um Gutes zu tun.

Finstere Gestalten auf der Feuerleiter

Doch das Ende der Heros-Historie fing viel früher an.

Wahrscheinlich schon im Herbst 1998, nach mehreren mysteriösen europaweiten Einbrüchen in sogenannte „Graumarkt“-Agenturen, die sich nur zu gerne auch als Geldwäscher verdingten, so in Marbella, Gibraltar, Brüssel, Monaco und anderswo. – Jeder der heimgesuchten „Graumarkthändler“ musste kurz danach, aus welchen Gründen auch immer, aufgeben.

Wer die Täter waren und was sie suchten, kann nur gemutmaßt werden. Geld und Wertgegenstände ließen die Unbekannten liegen – es ging ihnen eher um Akten und deren Inhalt, um Computer und Disketten. Die örtlich zuständigen Behörden entwickelten wenig Interesse die Einbrüche aufzuklären. Unter vielen Namen der damaligen Zeit tauchte in diesem Zusammenhang bei einem Einbruch bei Hobbs-Melville an der sonnigen Côte d‘ Azur auch der Name eines Mitarbeiters von Heros auf. Heute ist anzunehmen, dass die unbekannten Täter gezielt nach Unterlagen von Heros suchten, im Auftrag der Konkurrenz. Seit Jahren waren verschiedene Sicherheitsunternehmen Heros hinterher. Das war den Heros Mitarbeitern klar.

Nicht nur das, auch Heros war nicht untätig, glaubt man den Informationen, zahlreiche Manager von Kunden der Geldspediteure wurden ausgespäht, um beim Auffliegen etwas in der Hand zu haben.
So sicherte sich das schon verselbstständigte System Heros ab, jeder konnte der Feind sein. Zudem wurden Maulwürfe der Konkurrenz in der Firma vermutet, die jedoch nie ausgemacht werden konnten.

Zweiter Teil: Von Gibraltar nach Teneriffa

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