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Flüchtlinge Frankreich

Calais an diesem Morgen

Innenstadt von Calais All Copyrights by kasaan media publishers,Oktober 2016

Eigentlich wirkt die Innenstadt von Calais an diesem Morgen ruhig. Noch.

Die Medaille hat zwei Seiten.

Nur einen Steinwurf von der Hauptstraße in der französischen Hafenstadt, hinter meterhohen Zäunen, die mit Stacheldrahtverhauen gesichert sind, spielt sich das nächste, wahrscheinlich letzte, Drama im Flüchtlingscamp „Dschungel“ ab, die Gerüchteküche brodelt. Die Nachrichten überschlagen sich. Tausende von Handzetteln sind verteilt worden, die die wenigsten verstehen, an die die Worte gerichtet sind.
Es besteht seitens der Flüchtlinge ungezügelte Wut auf die Gastgeber, die Gäste versuchen mit allen Mitteln, ihren Willen zu erzwingen. Das Lager soll befriedet werden, das heisst, folgt man dem Handzettel, wird das Obdach der auf ein Wunder hoffenden, aus aller Welt eingereisten, Menschen, dem Erdboden gleich gemacht. Die Bagger stehen schon abseits. Ein wenig Takt ist doch noch vorhanden. Manche Bewohner sind so traumarisiert, dass sie in Unfähigkeit etwas zu tun, wie gelähmt vor den offenen Feuern warten an den Zelten warten. Warten auf das Unvermeidbare.

Es scheint wie im Krieg, oder Szenen aus einem Krieg.

Europa kann sich ein solch unmenschliches Lager nicht mehr leisten. Europa hat sich und seine Ideale systematisch verraten. Nicht seit gestern, seit langer Zeit. Schon sieht man Bilder, dass Kinder, Jugendliche, die durch die Verlockungen der Schlepper nach Frankreich kamen, mit bewaffneten Polizisten vertrieben werden. Hatte man sich nicht nach dem Krieg geschworen, solche Szenen nicht mehr zu wiederholen? Wer geht gegen die Schlepper in Afrika, im Mittleren Osten vor? Sie verdienen jeden Tag mit den gleichen Versprechen.Schlepper leben in ihrer Realität.

Die französischen Einsatzkräfte haben versprochen, keine Gewalt anzuwenden, bei der angekündigten Weigerung müssten die Flüchtlinge mit Zwang rechnen. Dafür wurde auf den Seiten der Flüchtlinge aufgerüstet, mit Pyrotechnik. Die französische Regierung will zudem vor dem Winter eine Katastrophe verhindern, die mit den sinkenden Temperaturen einhergehen würde. Journalisten, Hilfsorganisationen warnten seit Monaten, seit Jahren, davor.
Wer das Lager am Stadtrand von Calais kannte, kennt,der war über die Unfähigkeit eigene Ziele Europas zu verwirklichen, erschrocken.

Belgien verstärkt den Grenzschutz, tausende Polizisten sind aufmarschiert, es sollen 1.200 sein, als gäbe es einen Staatsfeind zu bekämpfen, von dem eine Bedrohung ausgeht. In letzter Zeit war es immer wieder zu Barrikaden auf der Zugangsstraße zu dem eingezäunten Hafenlände gekommen. Niemand kann sagen, ob die Flüchtlinge, die im Lager verblieben sind, nun aus wirtschaftlichen Erwägungen oder aus politischem Druck in ihren Heimatländern, hier ausharrten. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Mitte.

Wer will hier freiwillig leben? Es ist das Vegetieren unter schlimmsten Umständen. Niemand von denen, die noch dort verblieben sind, versteht die Situation in Europa. Die Flüchtlinge fühlen sich ungerecht behandelt. Die Bürger Calais sind erschöpft, niemand will mehr nach Calais, der Fremdenverkehr bricht ein, die Gesellschaft polarisiert sich. Die Front National schlägt politisches Kapital aus dem Elend der Menschen. Im Vorwahlkampf scheint alles erlaubt.
Schon lange ging es nicht mehr um die Menschen, diese sind zu einer Ware verkommen, die im Wahlkampf geschachert werden kann.
Das Verhalten, das sich eigentlich verbietet.

Für die Flüchtlinge geht es nur noch darum, wie kann das Ziel, nach Großbritannien zu gelangen, noch erreicht werden.Vielleicht in letzter Minute. Koste es, was es wolle. Wenn es das eigene Leben ist. Es ist auch der “ Schlussverkauf“ für die widerlichen Schlepper, die Frankreich nicht bekämpfte. Schon kursieren Gerüchte, dass ein neues Lager, einige Lager, ein paar Kilometer weiter entstehen sollen. Viele kleine Lager. Wahrscheinlich wird es so sein. Frankreich hat das Problem “ Calais“ zu lange vor sich hergeschoben, nun wird das Problem nur dezentralisiert, verlagert.

Allen Bewohnern des Dschungels steht es frei, einen Asylantrag in Frankreich zu stellen und dann über das ganze Land verteilt zu werden. Allen wurde eine menschenwürdige Unterkunft versprochen. Das Versprechen wird sich nicht halten lassen. Viele sind schon gegangen, weil ihnen kein Asyl zustehen würde.
Sie haben die brutalen Lebensbedingungen in der Zeltstadt nicht mehr ertragen.

Unbewaffnete Kinder und Frauen, die wie menschliches Strandgut in dem wilden Camp bis zur letzten Minute ausharren, stellen den Gegner der 5. Französischen Republik. Ein wenig erinnert es an die Tage in Algerien. Das Leben in dem, aus politischer Unfähigkeit, in den Heimatländern der Flüchtlinge für stabile Verhältnisse zu sorgen, war ein täglicher Überlebenskampf. Was sich jetzt anschliesst, bleibt offen. Viele wollen sich weigern, zu gehen, nachdem sie drei Jahre auf die Chance nach England zu kommen, warteten. Einige befürchten ein Blutbad. Es fliegen Steine, Flaschen, Dosen, der Müll, in dem sich die Ratten in dem Lager, wie eine eigene Zivilisation entwickelten. Eigentlich war es nur den Hilfsorganisationen und Ärzte ohne Grenzen zu verdanken, dass nicht Seuchen ausbrachen, die blitzschnell auf Frankreich übergegriffen hätten.

Nach mehr als einem Jahr hat die französische Regierung, nach dem Entscheid des Verwaltungsgerichtes, die Räumung angesetzt. Das Lager, in dem eine ungeklärte Anzahl Flüchtlinge, in den letzten Jahren Zuflucht suchten, ist sinnbildlich die Bankrotterklärung der europäischen Flüchtlingspolitik.Gemeinsamkeiten in Europa gibt es allenfalls noch, wenn es um Geld geht. Milliarden wurden nach Griechenland gegeben, in Calais hingegen leistete man sich den Schandfleck eines menschenverachtenden Systems. Frankreich verstiess mit dem Lager „Jungle“ gegen elementare Grundsätze seiner eigenen Verfassung.
Die Pariser Machtmenschen störte es nicht.

In ihrer völligen Hilflosigkeit eigene Grundsätze durchzusetzen, schreckte die französische Regierung durch das Entzivilisieren der Flüchtlinge aus Vietnam, Afghanistan, Eritrea, Iran, Iraq, Sudan, Somalia, etc. ab. Nur das war der Grund für das Camp am Ärmelkanal.
Es bildete sich eine eigene Parallelgesellschaft in dem Lager, in dem es immer wieder zu heftigen Ausschreitungen kam. Schlepper versprachen das Blaue vom Himmel. Verzweifelt versuchten zahllose Einwohner, vergeblich, durch den nahen Kanaltunnel oder auf der Ladefläche eines Lkws, ins ca. 30 km entfernte Kent zu gelangen.
Wäre da der Kanal nicht.
Der britische Traum war ausgeträumt, nur wenige gelangten über den Kanal. Gerüchte besagen, dass einige gutzahlende Flüchtlinge mit Fischerbooten oder Schleppern auf der lebensgefährlichen Tour nach England kamen. Dies wurde von den Behörden, mit denen die Flüchtlinge Katz-und Maus spielten, aus gutem Grunde verschwiegen.

Der Dschungel machte seinem Namen durch Gesetzlosigkeit alle Ehre, es herrschten Gewalt, Gruppenbildung, ethnische Auseinandersetzungen, bis hin zum gezielten Diebstahl, einige vermochten Geld aus dem Leid ihrer Mitmenschen zu ziehen. Was sich in den Zelten abspielte, in den Wohnwagen, wird wahrscheinlich immer ein Geheimnis bleiben. Gewalt, Prostitution, Schlepper, die nach neuen Opfern für ihre elenden Geschäfte suchten.

Verlassene Behausungen Calais, Oktober 2016 All Copyrights by kasaan media publishers
Verlassene Behausungen
Calais, Oktober 2016
All Copyrights by kasaan media publishers
Eingezäunt Fährhafen in Calais All Copyrights by kasaan media publishers,  Oktober 2016
Eingezäunt
Fährhafen in Calais
All Copyrights by kasha nmedia publishers, Oktober 2016

Schon in der Nacht ist es zu schweren Auseinandersetzungen gekommen, die im Augenblick abgeflaut sind. Noch sollen etwas mehr als 5800 Bewohner im Camp sein, zahlreiche Flüchtlinge haben das Weite gesucht, sind untergetaucht. Zurück bleiben unbegleitete Kinder und Jugendliche, von denen einige, etwa 50(!) den Weg nach Großbritannien fanden. Es ist eine Schande, was sich in dem Lager sonst noch abspielte. Erst vor einigen Tagen soll es zu einer Vergewaltigung einer Dolmetscherin eines Journalisten gekommen sein. Das UNHCR bezeichnete das Lager als erbärmlich und damit dürften die Lebensumstände sehr schmeichelhaft umschrieben worden sein.
Jetzt herrscht gespannte Ruhe, die vor jedem Sturm einhergeht.

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