Das abgegriffene Straßenbahnticket 2013

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Straßenbahn in Bremen, kasaan media, 2010
Straßenbahn in Bremen, kasaan media, 2010
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Das abgegriffene Straßenbahnticket

Der heiße Sommer trog dieser Tage. Saharawinde und dazu das schwer verständliche, aber jedes Jahr wiederkehrende Sommerloch, diesmal mit Peer. Er, der Kanzlerkandidat der SPD, schien überhaupt nicht da. Getilgt von der Oberfläche der politischen Bühne. Sorry, manchmal knarrten die Bretter noch. Ein Schatten von Peer in heißen Zeiten.

Man hörte nichts von Peer. Manchmal etwas über Vorträge und Zuwendungen, die er erhalten hatte oder auch nicht.
Aber was interessierte uns das?
Die längste zusammenhängende Peershow sendete Oliver Welke. In der Sommerpause verschwand der SPD Kandidat und sein Anspruch Deutschland, zu regieren. Niemand konnte Deutschland ernstlich entmerkeln. Aber jeder ahnte, nach Mutti Merkel konnte Papa Peer folgen, wenn wir alle Pech hatten.
Aber dazu muste er uns erscheinen.
Wo war er?

In Eintracht wurden die beiden Charakterköpfe plakatiert, zwischen handzahmen Piraten und politischen Ex-Helden aller Couleur.
Kurz vor der Bundestagswahl quittierten Donner und Blitz, Regen und Hagel die schlimmsten Vermutungen.
Wir alle schwitzten nach einem grotesken Winter, der bis in den Mai Kälte brachte. Der menschliche Frost folgte mir allerorts. Wir waren ein Volk aus Egoisten, Egomanen ge-worden.
Aber zurück zum Wetter: Wieder frühstückten die Experten für Klimakatastrophen, Ozonlöcher sich gegenseitig ab, ab 6 Uhr jeden Werktag in Glotzekiste, die die Kultur der Tage vermittelte.
Die Generation Salesch hatte die Peep-und Pöbelshows der 1990er am Nachmittag abgelöst. Immerhin vermittelte Alexander Hold die Rechtssicherheit, nach der sich das Volk allerorts mächtig sehnte. Hold hatte immer Recht, wenn nicht, war der Sender gestört oder es lief einfach der falsche Kanal.
Das machte auch nichts mehr.
Auf den anderen Kanälen bescherten sich gegenseitig die großen Sender das “Dunkle Geheimnis”, wenn es ganz gut lief, suchte eine adrette Dame, weltweit, nach verschollenen Verwandten in einem tränenreichen und zum Teil verstörenden Format.

Julia hier, morgen da, übermorgen lud sie den Delinquenten vor, seine, seit Jahrzehnten vermisste Verwandtschaft, hinter einer Hecke oder in einem Park, an Waldis Lieb-lingsbaum, wiederzutreffen.
Immerhin, Unterhaltung auf höchster Ebene vernebelte den Romantikern die Sicht für die wirklich zornigen Aspekte der Tage.

Was macht ein Volk, wenn die Politiker langsam, schleichend, die Diktatur errichten?
War der Euro eine weitere Diktatur wert? Europa war nicht das Geld, sondern die Seele der Menschen, ganze Völker verbanden sich im Laufe vieler Jahrzehnte.

Was war aus unseren Ideen geworden?

Ich schämte mich im Jahre 8 des real existierenden “Merkelismus” fremd, für die seelische Vergewaltigung des griechischen Volkes.
Nicht weil 1000 Griechen dann und wann den Syndagma stürmten, das geschah auch schon Jahr vorher.
Die Rentner, die Banker, in Griechenland streikte man gerne und oft. Daran konnte auch keiner der, wie Schäubles Marionetten, wirkenden Ministerpräsidenten ändern.
Jedoch, gleich, wie viel Schulden die hellenischen Banken hatten, Deutschland verdiente an dem Leid der Hakenkreuzfahnen schwenkenden politischen Wirrköpfe, die innerhalb eines Staatsgefüges Europas nun meinten, revanchistisch werden zu müssen, den angeklebten Damenbart der Kanzlerin zu pflegen, mit.
Nicht, dass ich die personifizierte Tochter der Wiedervereinigung nicht heimlich für ihre absolute Gleichgültigkeit bewunderte. NSA (Nichts Sicherer als Abhören) war eines der erschreckenden Beispiele, was aus unserer filigranen Demokratie geworden war.
Sie existierte nur noch in der verblassenden Erinnerung oder auf altem, schwer angeblichenem Papier.
Nur Hitler zu Merkel zu machen, oder geschwind eine Rechnung durch die Hintertür wegen Kriegsschulden aufzumachen, war grotesk.

Diktatur ist bequem für die, die regieren und die sich regieren lassen.
Diesmal allerdings waren es keine Despoten, sondern Computer und Geheimdienste, die den Banken und deren Zockern dienten. Toll, die Gier verbarg sich persönlich hinter dem vertraglichen Pferdefuß und dem fein gebügelten Armani-Anzug. Wenn es der nicht der Typ Aalglatt war, daneben hing noch einer Marke Sarrazin, gleich mit passender Lektüre für den Träger, oder vielleicht doch der dunkelblaue Zwirn vom Boss.
Eine weitere schäbige Diktatur, die des Kapitals.
Pennten wir alle seit Jahren oder vielleicht sogar seit Jahrzehnten?

Ich träumte, wie so viele andere von der Demokratie, von der Gleichheit, von der Gerechtigkeit.
Dieser Tagen eher ein Albtraum.
Als die Menschen durch die soziale Ungerechtigkeit, die Verachtung der Politik für die Bürger, unruhig, aggressiv wurden, setzte ich mich in die Straßenbahn, immer der Nase nach. Das Bremer Straßenbahnnetz war lang, ich beobachtete die Menschen, die Bahn füllte sich, leerte sich. So ging das tagein, tagaus. Die Gesichter waren maskenhaft geworden. Die Witze in der BILD waren noch immer die gleichen Pointen.
Im Jahr 12 nach den Anschlägen von New York.
Meine Seele schrie nach Gerechtigkeit, nach der hehren Demokratie, nach der
Wollten wir rebellieren? Nein, niemals! Oder vielleicht doch.

Ich wollte einen anderen Staat. Nicht diesen, nicht mit Politikern aus Parteien oder Lobyisten. Ich wollte einen anderen Staat, keine Nazis, keine Kommunisten und keine Schwadroneure. Gerade hat die Straßenahn gehalten, es ist dunkel und meine Reise ist hier für heute zuende.

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